Kleine Abenteuer inklusive

Seine erste Erfahrung als Skipper einer Charteryacht machte der Hamburger Carsten Geyer im Mai 2009 in der Türkei. Ein unvergessliches Erlebnis mit einigen dramatischen Höhepunkten.

Der Mond leuchtete hell über der Bucht von Fethiye im türkischen Mittelmeer. Es war ein sternenklarer Himmel, im Schiff herrschten etwa 25 Grad.

Charterparadies Türkei

 


Wir schliefen längst in der Bugkoje, als wir von einem leisen und steten Geräusch geweckt wurden. Woher kam das?

Schlaftrunken suchten wir nach der Ursache. Es kam eindeutig von vorne. Das konnte nur die Ankerkette sein. Doch warum schnarrte die Kette in unregelmäßigen Abständen? Es war zwei Uhr nachts. Am Abend zuvor hatten wir uns noch ein leckeres türkisches Essen gekocht, Wein getrunken und waren todmüde in die Kojen gegangen. Es war unsere erste von sieben Nächten, die wir auf einer Oceanis 39 verbringen sollten.

Leichter Wind, ruhige See und hohe Temperaturen
Wir – meine Freundin, ihr Sohn und mein Sohn – bildeten eine Crew, die sich zum ersten Mal mit mir als Skipper zusammengefunden hatte. Im Vorjahr hatten wir gemeinsam an der Müritz unseren Sportbootführerschein gemacht und bei Scansail in Hamburg das Schiff für Mai in der Türkei gechartert, weil uns das Charterunternehmen dort leichte Winde, ruhige See und hohe Temperaturen versichert hatte.

Flug und Anreise verliefen perfekt. Die Zeremonie der Übergabe kannte ich von früheren Charterreisen, die ich unter anderem mit meinem Vater unternommen hatte. Das Personal war bestens gelaunt, die Sonne lachte, und das Schiff erlebte erst seine zweite Saison. Es strahlte in der Sonne, außen und innen war alles blitzblank. Im benachbarten Supermarkt kauften wir landestypischen Proviant, viel Wasser und Wein und fieberten bei 30 Grad dem kommenden Morgen entgegen. Es war unsere erste gemeinsame Charter, und bis dahin fanden wir, dass wir alles richtig gemacht hatten.

Unkomplizierte Schiffsübernahme
Die Übernahme des Schiffes gestaltete sich unkompliziert. Wir absolvierten einige Übungsmanöver und stachen nach einer ruhigen Nacht im Basishafen in See. Den ersten Abend wollten wir in einer schönen Bucht ankern, an Bord kochen und baden gehen. Für einen 12- und einen 14-jährigen Jungen ist Mitsegeln eher langweilig. Und auch ich – als Jollensegler mit Regattageschichte – muss gestehen, dass eine Oceanis 39 eher einem Campingwagen auf dem Wasser ähnelt als einer sportlichen Yacht.

Carsten Geyer am Steuer der Oceanis 39.

 

Trotzdem warteten auf die Erwachsenen wichtige Aufgaben wie die Navigation, Schiffstechnik und natürlich die Verpflegung. Die Jungs hingegen ersehnten die erste Fahrt mit dem 5-PS-motorigen Dingi. Unser Törn in die nächste Bucht schweißte uns aber schon zusammen, denn Aufgaben wurden verteilt und Verantwortung übernommen.

Nächtliches Erwachen mit Schrecken
In der Bucht ankerten wir mit dem Heck zum Land, und die Jungs waren stolz, dass sie mit dem Dingi zwei landfeste Leinen angebracht hatten, die das Schiff zusätzlich sichern sollten. Diese Leinen hielten auch, doch als wir um zwei Uhr morgens von der Ankerleine geweckt wurden, mussten wir erkennen, dass der Anker langsam über den steinigen Grund gezogen wurde. Das hatte dieses scharrende Geräusch erzeugt!

Ankern mit landfesten Leinen.

 

Plötzliche Fallwinde drückten das Schiff gen Land
Was war passiert? Am Steilhang der Bucht hatten sich in der Nacht Fallwinde gebildet. Wir waren bei Windstille in die Kojen geschlüpft. Als wir jetzt an Deck stürmten, nur leicht bekleidet, wehte ein kräftiger Wind. Sofort lief mir ein eisiger Schauer über den Rücken, ich sah vor meinem inneren Auge, was jetzt passieren könnte: Wir wurden mit dem Heck gen Land gedrückt. Der Anker hatte sich gelöst, der brisende Wind würde in dieser Nacht unser Schiff am Fels zerschmettern.

Sofort startete ich den Motor, meine Freundin ging an den Bug, wir froren und bibberten. Die Ankerkette holten wir langsam dicht, der Anker schien sich wieder gefangen zu haben, und wir konnten das Schiff sichern. Ein Glück!

Den Rest der Nacht konnte meine Freundin trotzdem nicht mehr schlafen, und sie nahm mir das Versprechen ab, auf diesem Törn nicht mehr zu ankern. Sie wusste nicht, was noch kommen würde …

Eine Stunde drehten wir uns im Kreis
Der neue Tag empfing uns mit strahlender Sonne, die Jungs fuhren Dingi, meine Freundin ging baden. Ich saß allein im Heck, als eine plötzliche Bö das Schiff ergriff, den Anker löste, der Bug sich drehte, während sich die beiden landfesten Leinen strafften. Blitzschnell rief ich alle an Bord, startete den Motor, konnte im letzten Augenblick die Landfesten losschlagen und mit Fahrt das Schiff, das sich mittlerweile längs zum Ufer gestellt hatte, von der Küste wegfahren. Doch bei diesem Manöver verdrehte sich der Anker und steckte nun so fest, dass wir ihn nicht mehr lichten konnten.

Eine Stunde drehten wir uns erfolglos im Kreis. Es sollte zwar noch gelingen, den Anker einzuholen, aber das Versprechen, nicht mehr auf diese Art des Festmachens zurückzugreifen, musste ich wiederholen.

Das kleine Abenteuer war zum Glück schnell vergessen. Stetiger Wind, das Meer und der blaue Himmel machten jeden Tag wieder gute Laune.

Der Rest des Urlaubes verlief völlig undramatisch. Wir segelten jeden Tag drei bis vier Stunden, gingen baden und entspannten uns. Die Häfen suchten wir danach aus, ob sie uns entweder frischen Proviant und saubere Duschen boten oder einsame Buchten mit kleinen provisorischen Restaurants, wo Einheimische das Essen aus einfachen Küchen servierten. So schlemmten wir einmal Lamm aus dem Erdofen, vier Stunden gegart. Anschließend konnte man einen Zug aus der Wasserpfeife (mit einem Tabakersatz) nehmen und der Sonne nachtrauern, die glutrot über dem Meer unterging.

Törn war eine perfekte Mischung
Eigentlich suchten wir die Einsamkeit, doch für die Nacht legten wir immer in kleinen Häfen an, um die Sicherheit des Steges für eine ruhige Nacht zu nutzen. Es hat allen großen Spaß gemacht, der Törn war eine perfekte Mischung aus kleinen Abenteuern, entspanntem Segeln, Badeurlaub und dem Genuss von landestypischen Leckereien. Das Wetter ist aber der entscheidende Faktor. Wir sind seitdem noch einige Male gemeinsam gesegelt, und wenn die Sonne lacht, macht es doppelt soviel Spaß.

Carsten Geyer