Am Ball bleiben

Ein Feld, zwei Tore, ein runder Gegenstand: Das klingt nach einer der üblichen Ballsportarten. Doch diese hier findet auf dem Wasser statt. Kanupolo ist schnell und anstrengend, die Spieler agieren kraftvoll und hoch konzentriert.

Auf dem Spielfeld, an dessen beiden Enden jeweils ein Tor über dem Wasser hängt, versuchen die Kanupolospieler, den Ball mit den Händen oder dem Paddel ins Tor zu befördern.

Dabei machen vor allem die Zweikämpfe (besonders die Zusammenstöße mit einem gegnerischen Kajak) diese Sportart spannend. Kanupolo erfordert viel Technikkönnen und Taktik. Lange Aufbauphasen oder Spielunterbrechungen – wie man es zum Beispiel vom Fußball kennt – gibt es nicht.

Kanupolo gab es in Deutschland bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals wurde es noch auf dem sogenannten Großfeld gespielt, einem Feld mit den Maßen 100 mal 50 Meter. Zu den Spielen der ersten Deutschen Meisterschaft 1925 kamen bis zu 20 000 Zuschauer. Nach dem Krieg fristete Kanupolo in Deutschland zunächst ein Nischendasein. In den anderen Staaten Europas und der ganzen Welt sah das anders aus.

Im Winter in die Schwimmhalle

Einheitliche Regeln für alle Länder stellte die International Canoe Federation (ICF) allerdings erst 1988 auf. Damit wurden auch internationale Turniere ermöglicht. Seit 1993 finden Europameisterschaften und seit 1994 Weltmeisterschaften statt. Inzwischen wurde der Sport auch in Deutschland wieder populärer. Mit der Regeländerung wurde das Großfeldpolo abgeschafft und fortan auf dem Kleinfeld (35 mal 23 Meter) gespielt. Das schuf die Möglichkeit, aus dem Sommer- einen Ganzjahressport zu machen, da im Winter in einer Schwimmhalle gespielt werden konnte.

Kanupolo wird von zwei Teams mit jeweils fünf Feldspielern gespielt. Zusätzlich zu den fünf Aktiven können noch drei Auswechselspieler beliebig oft eingewechselt werden. Die Spieler sitzen in maximal drei Meter langen Kajaks mit einem Doppelpaddel und sind mit Schutzhelm, Gesichtsschutz und Sicherheitsweste ausgerüstet, damit sie vor Paddel- oder Balltreffern geschützt sind. Eine Halbzeit dauert zehn, die Pause drei Minuten. Das Ziel des Spiels ist es, den Ball in das 1 mal 1,50 Meter große Tor der Gegenmannschaft zu befördern.

Schubsen darf man!

Um den Ball zu bewegen, dürfen die Spieler ihn in die Hand nehmen und bis zu fünf Sekunden halten, ihn zu einem Mannschaftskameraden passen oder sich selbst vorlegen. Den Ball ins Boot zu nehmen ist verboten. Der ballführende Spieler darf angegriffen werden, und man darf ihn sogar durch Schubsen an der Schulter umkippen. Jede Mannschaft stellt einen Torwart, der mit seinem Paddel das zwei Meter über dem Wasser hängende Tor verteidigt. Ansonsten nutzen die Verteidiger sowohl Raum- als auch Manndeckung, um gegnerische Angriffe abzuwehren. Als Fouls gelten zum Beispiel das Festhalten und der unerlaubte Gebrauch des Paddels. Fouls werden mit Zeitstrafen oder Penalty- und Freiwürfen geahndet.

Für den Kanupolosport gibt es inzwischen eine eigene Bundesliga der Damen und Herren. Jedes Jahr finden deutsche Meisterschaften statt, auf denen sich die Teams der verschiedenen Leistungsklassen für die nächsthöhere Spielklasse qualifizieren können. Der deutsche Meistertitel wird hingegen unter den Bundesligamannschaften vergeben. Für diese gibt es im Laufe des Jahres sogenannte Spieltage, bei denen dann – ähnlich wie in anderen Sportarten – eine Tabelle ausgespielt wird.

Gemischte Gruppen im Jugendbereich

Im Schüler-, Jugend- und Juniorenbereich werden die Meister ebenfalls bei der Deutschen Meisterschaft ermittelt. Für die Teams außerhalb der Bundesliga gibt es keinen einheitlichen Spielplan. Sie nehmen an offenen Turnieren teil, die das ganze Jahr in Deutschland ausgeschrieben sind und bei denen Poloteams aus allen Klassen aufeinandertreffen. Im Schüler- und Jugendbereich, in dem übrigens Mädchen und Jungen gemischt spielen, findet ein Qualifikationsturnier für die Deutsche Meisterschaft statt.

Im Ratzeburger Kanu Club (RKC) begannen wir im Winter 1989/90 mit den ersten Gehversuchen im Kanupolosport. Die erste Saison wurde noch in alten, gebrauchten Booten bestritten, doch bald darauf konnten ein Satz neuer Boote und die erforderliche Ausrüstung angeschafft werden.

Als die Nachwuchsarbeit erste Früchte trug, nahm 1994 erstmals auch eine Jugendmannschaft am Spielbetrieb teil. Seit den späten 90er-Jahren stellt der RKC in allen Leistungsklassen den Großteil der schleswig-holsteinischen Landesauswahl. Der Kanupolosport hat sich seitdem in Ratzeburg etabliert.

Eine Trainingseinheit der Herrenmannschaft

Sonnabends ab zehn Uhr morgens gehört ein Teil des Ratzeburger Küchensees den Spielern der Kanupolomannschaft des RKCs. Während ein Spieler noch die Tore aufhängt, lassen die anderen ihre Boote zu Wasser. Es folgen ein gemeinsames Aufwärmen und individuelle einfache Übungen zur Ballgewöhnung. Passen und Fangen des Balles mit einem Partner oder in Kleingruppen im ruhenden Boot oder in der Bewegung schließen sich an. Bei einigen Anwürfen und Zweikämpfen lassen die Spieler das Seewasser spritzen. Man merkt, dass die Jungs Spaß an der Sache haben.

Der Anpfiff ertönt. Der Ball wird vom Schiri (Trainer) in die Mitte des Spielfeldes geworfen. Jeweils ein Boot von beiden Trainingsteams setzt zum Sprint an, und mit einem Krachen treffen sie in der Mitte aufeinander. Damit ist der Kampf um den Ball eröffnet, denn wer den ersten Zweikampf gewinnt, muss zusehen, dass er den Ball zu einem Mitspieler passt und so den ersten Angriff einleiten kann. Hoffentlich hat sich ein Teamkollege freigespielt oder eine Lücke in die gegnerische Abwehr gerissen. Alle Spieler arbeiten hart, die Gesichter unter den Helmen sind von der Anstrengung gezeichnet, denn die Paddelbewegungen, die so leicht aussehen, kosten eine Menge Kraft.

Immer wieder wird das Spiel durch den Trainer unterbrochen, um taktische oder technische Korrekturen anzubringen oder getrennt zu üben. Der Spieler, der gerade noch im Angriff war, hat den Ball verloren und muss jetzt versuchen, seinerseits den Gegner auf dem Weg zu einem erfolgreichen Angriff zu stören.

Sprints und Tempogegenstöße bestimmen das Spiel, gleichzeitig übertönen die Zurufe der beiden Spielmacher, mit denen sie ihre Mannschaftskollegen auf ihre neuen Positionen schicken und so Angriff und Abwehr koordinieren, die Geräusche der Paddelschläge auf dem Wasser.

Beim Kanupolo kommt es nicht nur auf die Einzelleistung an, sondern auch auf die Teamfähigkeit eines jeden Einzelnen. Zum Trainingsabschluss wird noch gemeinsam eine Strecke zum Auspaddeln absolviert.

Die Spieler investieren zurzeit etwa sechs bis sieben Stunden pro Woche in die Trainingsarbeit. In den Wintermonaten wird das Training zur Vorbereitung auf die Saison in die Turnhalle, den Kraftraum des Vereins, in den Wald und in die Schwimmhalle verlegt. 

Werner Kellermann

Werner Kellermann

kam durch sein Sportstudium zum Kanupolo. Seit 1989 ist er Mitglied im Ratzeburger Kanu Club und betreut bis heute die Kanupolomannschaften des Vereins. Bis 2002 nahm er aktiv an Kanupolo teil, danach konzentrierte er sich auf die Trainerarbeit. In diesem Jahr erreichte er mit der Herrenmannschaft den Aufstieg in die Landkreisliga.

Info: www.ratzeburgerkc.de