Rund um die Ostsee

Merle Ibach lebt in Falkensee in der Nähe von Berlin und segelt seit ihrem siebten Lebensjahr. Die Idee, segelnd die Ostsee zu erkunden, kam der Zwanzigjährigen bei zwei Bootsüberführungen. Sie beschloss, dieses Ziel nach dem Abitur in Angriff zu nehmen, und ist nun seit Mai unterwegs.

 

Es wird kälter.

Langsam ist der Sommer vorbei. Langsam ist mein Sommer vorbei. Ich meine fast behaupten zu können, dass es der schönste Sommer war, den ich je erlebt habe. Der verrückteste, erlebnisreichste, intensivste, seltsamste, freieste und lustigste war es in jedem Fall. Acht Länder liegen hinter mir und im neunten bin ich gerade, von dem aus es wieder nach Berlin gehen wird.

Bei meinem Aufenthalt auf den Ålands war ich zwei Norwegerinnen und einem Finnen begegnet. Mit ihnen zusammen fuhren meine Schwester und ich zu einem Jazz-Festival im Süden Finnlands und lernten die gesamte Familie des Finnen kennen. Mit Monia, der einen Norwegerin, ging es dann weiter bis nach Helsinki, wo wir am Tag der Ankunft zu trampen versuchten.

Es klappte: Sechs Stunden später waren wir 200 Kilometer weiter nördlich in Tampere, mitten in der Nacht. Zwei Tage verbrachten wir zu dritt in einem Einmannzelt, bis wir noch einmal 100 Kilometer weiter nach Lahti trampten, wo die Schwester von Monia wohnte, die sie übrigens selbst nicht besonders gut kannte. Sie nahm uns verwilderten Haufen total nett auf, bis meine Schwester und ich zurück nach Helsinki fuhren, weil sie nach Berlin zurückmusste.

Merle und ihre Mutter auf der "lille My".

 

Im Anschluss wollte meine Mutter mir Gesellschaft leisten. Doch davor hatte ich noch ein paar Tage Zeit, um ein wenig zur Ruhe zu kommen. Daraus wurde jedoch nichts. Am ersten Abend zeigte mir ein Finne das Nachtleben der Hauptstadt und so ging es munter weiter, bis meine Mutter kam. Sie hatte es inzwischen geschafft, für uns beide ein Visum für Russland zu besorgen, und ich hatte die Seekarten auftreiben können, wodurch ihre Hoffnung, doch um die Reise nach Russland herumzukommen, endgültig begraben wurde.

Wir waren wirklich sehr aufgeregt. Wer hatte nicht schon Horrorgeschichten über Begebenheiten in Russland gehört? Sollte uns das Wetter während unserer Hinfahrt vielleicht sogar eine Warnung sein? Wir durchfuhren ein starkes Gewitter. Knapp 30 Stunden dauerte die Überfahrt, und die ganze Nacht hindurch zuckten die Blitze über uns hinweg. Natürlich hatte ich mich vorher nicht informiert, was man bei Gewitter an Bord einer Segelyacht machen sollte. Es wurde die längste Nacht meines Lebens, aber irgendwann wird es ja zum Glück immer wieder hell.

Die Auferstehungskirche in St. Petersburg.

 

Am nächsten Abend waren wir endlich durch den Zoll, der ganze Papierkram lag hinter uns und wir hatten im Hafen festgemacht. Zeit zum Entspannen! Und das taten wir auch. Mit typisch russischem Essen, verrückten Menschen, einer Kultur, die so ganz anders ist als unsere, mit Sonnenschein und Hitze war Russland für uns einfach nur ein wunderschönes Erlebnis.

Nach einem kleinen Abstecher zurück nach Helsinki war die nächste Station Tallinn, eine wunderschöne Stadt und nicht umsonst UNESCO-Weltkulturerbe – mittelalterlicher Flair pur. Insgesamt verbrachte ich zwei Wochen in Estland, davon eine knappe in Pärnu, der offiziellen Sommerhauptstadt. Die ganze Stadt war voll feiernder junger Menschen. Die Architektur und die Stadtgestaltung sind beeindruckend – mein persönlicher Baltikum-Insidertipp. Von Pärnu aus sind es gerade einmal zwei Autofahrstunden bis Riga (Lettland). Mit dem Boot dauerte es zwei Tage. Ab dort kam ein Tiefdruckgebiet nach dem nächsten und damit kaltes schlechtes Wetter und vor allem viel Wind. An manchen Tagen kamen wir gar nicht aus dem Hafen raus. Dann vertrieben wir uns die Zeit mit Stadtbesichtigungen, mit der Nachbarschaftspflege im Hafen und besonders mit dem Einkauf von Lebensmitteln.

Der Höhepunkt in Litauen ist die Kurische Nehrung, ein schmaler Landstrich, der fast nur aus einer riesigen Sanddüne besteht, zwischen Haff und Ostsee. Das sieht sehr verrückt aus und man könnte sich wirklich vorkommen wie in der Sahara, wenn es nicht so kalt wäre. Was mich nun in Polen erwartet, weiß ich noch nicht. Hier bin ich erst seit zwei Tagen, aber auch Danzig ist wunderschön.

Menschenleerer Strand in Estland.

 

Ich komme aus dem Schwärmen und Träumen gar nicht mehr heraus. Es hat sich einfach alles so gelohnt! All die Arbeit, der Stress, die Zweifel, ob ich das Richtige tue, sind längst vergessen. Also: Raus aus dem Sessel und ab in die weite Welt!
Merle Ibach