Bei Wind und Wetter im Einsatz

Es begann mit den beiden Rettungsbooten „Grietje“ und „Martje“: Die kleine Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger am Olympiahafen in Kiel-Schilksee besteht seit mehr als dreißig Jahren und wird ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt.


Sonne, Wind, Regen, Schnee oder Eis – keine Wetterlage hält die Seenotretter davon ab, ihre Aufgabe zu erfüllen. Nach dem Motto „Wir fahren raus, wenn andere reinfahren“ setzen sich die freiwilligen Helfer auf See für das Leben der Menschen ein.

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) blickt inzwischen auf eine lange Geschichte zurück. Gegründet wurde sie 1865 in Kiel. Das Personal kam aus dem Küstenumfeld und bestand zumeist aus Fischern oder Bauern. Die Rettungsstationen waren zu der Zeit mit einfachen Ruderbooten, Hosenbojen und Raketenapparaten ausgestattet. Und die Bauern der Umgebung stellten Pferde zur Verfügung, die die Boote ins Wasser zogen.

War die Brandung zu stark, mussten die Ruderboote an Land bleiben. Dann wurden die Schiffbrüchigen mit der sogenannten Hosenboje vom gestrandeten Schiff an Land gehievt – einem Rettungsring mit angenähter Hose, der an einer Leinenverbindung hin- und hergefahren wird. Die Methode kommt auch heute noch zur Anwendung. 1918 wurden dann Motorboote mit Verdeck eingeführt, was die Arbeit der freiwilligen Helfer deutlich erleichterte.

Die Hosenboje kommt auch heute noch zum Einsatz.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam schließlich der erste Seenotkreuzer zum Einsatz, die „Theodor Heuss“, benannt nach dem damaligen Bundespräsidenten. Die Ära der modernen Seenotrettung begann. Übrigens: Bis heute finanziert sich die Gesellschaft ohne staatliche Zuwendungen ausschließlich aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen.

Verstärkung für Laboe

Die Station in Schilksee wurde am 17. März 1972 anlässlich der Olympischen Segelwettkämpfe im dort neu gebauten Yachthafen gegründet. „In dieser Zeit fand der Segelsport immer mehr Anhänger, und die 1894 gegründete Station in Laboe konnte die Arbeit nicht mehr allein bewältigen“, erinnert sich Vormann Detlev Sass. Bis heute arbeitet die Station in Schilksee eng mit der in Laboe zusammen.

In der Anfangszeit ging es mit sieben Meter langen Seenotrettungsbooten zu den Unglücksorten, bis  1987 die „Asmus Bremer“ und die „Marie Luise Rendte“ in Schilksee eine neue Epoche einleiteten. Die beiden modernen Boote sind die Prototypen einer sehr seetüchtigen Serie aus 8,5 Meter langen Rettungseinheiten. Alle vier Jahre kommen die Boote nach Bremen in die Werft, wo sie überholt und aufgerüstet werden. Das ist notwendig, um immer auf dem neuesten Stand der Technik zu sein, gerade in Situationen, in denen es auf jede Minute ankommt.

Innerhalb von Minuten einsatzbereit

In der Station am Olympiahafen sind insgesamt 20 freiwillige Helfer zuständig für den maritimen Such- und Rettungsdienst, kurz: SAR (Search and Rescue). Wenn ein Notruf eingeht, ist höchste Konzentration gefragt. Innerhalb weniger Minuten findet sich eine dreiköpfige Crew auf dem Rettungsboot ein und fährt mit Höchstfahrt zum Unglücksort.

Die Palette an Notsituationen ist groß, es muss nicht immer gleich „Mensch über Bord“ sein. Manche sind auf Grund gelaufen, haben einen Motorausfall oder einen Mastbruch und treiben hilflos umher. Werden Verletzte gemeldet, leisten die Retter medizinische Hilfe. Wenn es nötig ist, ist ein Arzt mit an Bord, um die Betroffenen sofort zu behandeln.

Koordiniert werden die Hilferufe über das Maritime Rescue Coordination Centre in Bremen. Hier befindet sich der Hauptsitz der DGzRS. Die Mitarbeiter dort sind 24 Stunden im Einsatz und alarmieren die dem Unglücksort nächstgelegene Station an der Küste. „Wir haben eine Rufbereitschaft. Wenn unsere Station einmal nicht direkt besetzt ist, werden wir über den Notfall informiert“, sagt Detlev Sass.

Das Einsatzgebiet der Retter aus Schilksee ist die Westseite der Kieler Förde bis zur Eckernförder Bucht. Innerhalb dieses Gebietes unternehmen die Seenotretter regelmäßig Kontrollfahrten, um die Sicherheit an der Küste zu garantieren.

Vom verirrten Angelhaken bis zum Katastrophenalarm

Detlev Sass ist seit über dreißig Jahren freiwilliger Seenotretter in der Station in Schilksee. Während dieser Zeit ist er zahllose Einsätze gefahren und kann mit den unterschiedlichen Rettungsaktionen ganze Bücher füllen.

An einige Begebenheiten erinnert sich der frisch pensionierte Finanzbeamte besonders gut. Wie zum Beispiel an die Geschichte mit dem jungen Mann, dessen Angelhaken beim Bootsausflug nicht – wie anvisiert – im Wasser, sondern im Hinterkopf seines Vaters landete.

Oder an den Orkan mit Dauerregen, der 1989 an der Ostseeküste wütete und allein in Kiel 70 Yachten zum Versinken brachte. Detlev Sass und seine Crew waren über zwölf Stunden pausenlos im Einsatz. Bei extremem Wellengang und einem rekordverdächtigen Hochwasser versuchten sie, losgerissene und abgetriebene Yachten wieder einzufangen. „Das war die schlimmste Katastrophe an der Kieler Förde bisher“, sind sich Sass und sein Kollege Jens Wiese sicher.

Warum er Seenotretter geworden ist? Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Zur See zu fahren macht eben einfach Spaß“, lächelt er. „Und auf diese Weise kann ich mich dabei auch noch nützlich machen und andere Menschen aus gefährlichen Situationen retten.“

Detlev Sass (l.) und Jens Wiese von der Station Schilksee.

 

Seefest und teamfähig

Angehende Seenotretter sollten seefest und natürlich teamfähig sein. Die Ausbildung in Navigation, Schiffssicherheit und Erste Hilfe, im Umgang mit Rettungsmitteln sowie in Such- und Rettungsverfahren erfolgt an der gesellschaftseigenen SAR-Schule in Neustadt. Dort finden auch regelmäßig Weiterbildungs- und Auffrischungskurse für die freiwilligen Helfer statt.

Unerlässlich ist in jedem Fall eine Abstimmung mit der Familie, denn Seenotretter sind häufig im Einsatz und begeben sich ständig in Gefahrensituationen. Bisher sind die Freiwilligen von der Station in Schilksee jedoch immer unversehrt in den Hafen zurückgekehrt. (tl)

Info DGzRS

Die DGzRS in Zahlen

Zur Erfüllung ihrer vielfältigen Aufgaben verfügt die DGzRS aktuell über eine Rettungsflotte von 61 modernen, leistungsstarken Seenotkreuzern und Seenotrettungsbooten auf 54 Stationen zwischen der Emsmündung im Westen und der Pommerschen Bucht im Osten. Die 186 fest angestellten und rund 800 freiwilligen Rettungsmänner und -frauen sind bei jedem Wetter, an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr zum Einsatz bereit.

www.seenotretter.de